Im Januar 2019 stellte die Gerry Weber International AG beim Amtsgericht Bielefeld den Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverantwortung. Erklärtes Ziel dieser Maßnahme war es, den westfälischen Modekonzern in den kommenden Jahren neu zu positionieren und für die Zukunft zu wappnen. Im Zuge dessen setzt das angeschlagene Unternehmen auf ein umfangreiches Sanierungskonzept, das in Deutschland unter anderem die Schließung von mehr 120 Filialen sowie die Streichung von über 450 Stellen vorsah.

Meldungen wie diese geisterten in den vergangenen Jahren regelmäßig durch die Medien. Egal ob Esprit, Escada, Tom Tailor, Galeria Kaufhof oder die Ahlers Group: Die Liste der Anbieter, die in die Krise geraten sind und in den letzten Jahren Filialen geschlossen haben oder planten zu schließen, ist lang und illuster. Daher stellte sich manchem Beobachter die Frage: Ist er noch zu retten, der stationäre Einzelhandel in Deutschland?

Was vielen im Fall Gerry Weber entgangen ist: Das Sanierungskonzept sah nicht nur Streichungen vor. Zugleich plante der Modekonzern, den stationären Handel stärker mit dem Online-Vertrieb zu verknüpfen. Bereits wenige Monate nach dem Start des Insolvenzverfahrens begann Gerry Weber beispielsweise damit, in seinen Stores den Service Click & Collect zu implementieren und seine Filialgeschäfte auf diese Weise zu stärken. Die Sanierung war folglich mit klaren strategischen Maßnahmen verbunden, um die Neugestaltung des eigenen stationären Handels in Richtung Omnichannel auf den Weg zu bringen.

Und dann kam Corona

Im März 2020 brachte die Corona-Krise Einzelhändler in Deutschland in eine noch nie dagewesene Situation: einen Lockdown, in dem bis auf wenige Ausnahmen wie die Drogerien und Lebensmittelhändler die Geschäfte über zehn Wochen komplett geschlossen blieben. Nicht nur bereits angeschlagene Fashion-Brands, sondern auch Moderiesen wie Adidas hatten durch die wochenlangen Schließungen ihrer Filialen mit teils massiven Umsatzeinbußen von bis zu 97 Prozent zu kämpfen.

Folgte nun also der bereits vor der Corona-Krise beschworene Paradigmen-Wechsel vom stationären Einzelhandel hin zum Onlinehandel? Die Retail-Apokalypse für Filialgeschäfte?

Konsumenten bleiben dem stationären Handel treu

Nein. Die Nachfrage wird sich mitnichten gänzlich in Online-Kanäle verschieben. Bereits vor Corona gab es eine Tendenz steigender E-Commerce-Anteile, doch die Konsumenten bleiben dem stationären Handel aus vielerlei Gründen auch weiterhin treu ergeben. Das Institut für Marktforschung Innofact sowie die Berater von EY-Parthenon kamen in ihrer Studienreihe “Corona-Handelstracker” zu dem Schluss, dass sich der wochenlange Shutdown im Bereich Gebrauchs- und Verbrauchsgüter nicht als Katalysator für den E-Commerce erwiesen hat. Sicherlich, es gab einen merklichen Anstieg an Online-Bestellungen, insbesondere im März und April 2020. 46 Prozent der Verbraucher gaben laut Erhebungen von Statista für diesen Zeitraum an, dass Sie mehr online bestellten als vor Corona. Dieser drastische Anstieg ist jedoch nicht zuletzt auf den Umstand zurückzuführen, dass beim stationären Handel wie wir ihn kannten schlichtweg auf Pause gedrückt wurde. Doch, je nach Produkt, sind es verschiedene Faktoren, die die Verbraucher auch weiterhin in die Filialgeschäfte locken werden, wenn auch mit verändertem Konsumfokus und Ansprüchen. In einer gemeinsamen Studie des Institut du Commerce Connecté und Comarch zur Zukunft des Einzelhandels nach Corona gaben 44 Prozent der Befragten an, dass für sie bei Kleidung weiterhin das haptische Einkaufserlebnis, also das Anfassen und Anprobieren, im Vordergrund steht. Für Artikel aus dem TV & Hi-Fi Sortiment ist den Verbrauchern vor allem der Support und die persönliche Beratung vor Ort am wichtigsten.

Die Krise als Chance

Das Filialen – auch schon vor Corona – geschlossen wurden oder schließen mussten, ist sicherlich nicht gleichbedeutend mit dem Ende des stationären Einzelhandels oder gar als eine Retail-Apokalypse zu bezeichnen. Wenn gleich auch der Handelsverband Deutschland (HDE) davon ausgeht, dass etwa 50.000 Geschäfte – insbesondere Modeketten – als Konsequenz der Corona-Krise schließen müssen. Sicherlich, es gibt und wird einen drastischen Anstieg von Filialschließungen geben und diese Lage ist existenzbedrohend. Auch Gerry Weber trifft es nach der gerade erst überwundenen Insolvenz und der erfolgreich durchgeführten Umstrukturierung. Hunderte Mitarbeiter müssen gehen, ähnliche Szenen spielen sich bei Esprit ab. Jede zweite Filiale sollen nach Angaben des Spiegels geschlossen werden. Doch wie die Zahlen oben zeigen, werden die Verbraucher niemals ganz auf das stationäre Einkaufserlebnis verzichten, wenn auch derzeit durch Maskenpflicht & Co. der Spaß am Shoppen gedämpft sein dürfte. Einzelhandelsunternehmen müssen nun versuchen mit allen Mitteln gegenzusteuern und sowohl kurzzeitige Schutzmaßnahmen, als auch das langfristig geänderte Konsumverhalten der Verbraucher in eine nachhaltige Omnichannel-Strategie mit einbeziehen. Die Beratungsfirma Alix Partners fand kürzlich in einer Umfrage unter europäischen Handelsunternehmen heraus, dass sich der stationäre Einzelhandel darauf einstellt, noch mindestens zwei bis drei weitere Jahre mit den Folgen der Corona-Krise zu kämpfen. Es wird Arbeitsplätze, Filialen und einiges mehr an Ressourcen kosten, doch jetzt ist die Zeit für den stationären Einzelhandel aktiv zu werden. Denn bereits vor Corona und jetzt, nach dem großen Lockdown erst recht, ist es vielmehr eine Chance für den stationären Einzelhandel, neu zu definieren, wie eine Filiale der Zukunft aussieht – und wie es gelingen kann, wieder mehr Kunden (unter Beachtung der jeweils geltenden Hygiene- und Schutzmaßnahmen) in die lokalen Geschäfte zu bringen. Der Handel hat hierfür durchaus Optionen, da sich die Akzeptanz und Nachfrage der Kunden nach Services wie Omnichannel-Services wie Click & Collect oder Click & Reserve während der ersten Jahreshälfte 2020 deutlich erhöht hat. Sofern der stationäre Einzelhandel die neuen Wünsche und geänderten Bedürfnisse der Kunden wie mehr Sicherheit, Nachhaltigkeit und Transparenz – also “the new normal” beachtet – und diese neben den flexiblen Bestell- und Einkaufsoptionen in seine kanalübergreifende Vertriebsstrategie mit einfließen lässt, besteht die Chance auf Überleben und ein gestärktes Hervorgehen aus der Krise. Ohne eine ganzheitliche Omnichannel-Strategie wird es dieser Tage sonst sehr schwierig für einen stationären Händler am Markt zu bestehen, und flexibel auf zukünftige Entwicklungen, nicht zuletzt durch weitere drohende Infektionswellen oder behördliche Einschränkungen, zu reagieren.